Zwischen den Fronten

Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit befindet sich Afghanistan seit 35 Jahren im Dauerkrieg. Die offizielle Regierung kämpft gegen die Taliban um die Vormachtstellung im Land. Der in Reinach lebende Tom Hoedjes war im Rahmen eines NATO-Mandats sechs Monate im Einsatz für die holländische Armee.

nato2Tom Hoedjes ist ein stämmiger Mann. Wenn er sagt, er gehöre der holländischen Armee an, lassen sein Bart und der dunkle Teint auf einen harten Kämpfer schliessen, der sich, mit dem Maschinengewehr im Anschlag, in einen Schützengraben legt. Doch weit gefehlt. Der in Reinach lebende Hoedjes war in seiner aktiven Militärzeit Sanitäter und arbeitete auch in der Schweiz, unter anderem im Spital Menziken als Rettungssanitäter und Anästhesieassistent. Dennoch fand er sich während sechs Monaten zwischen den Fronten verfeindeter Parteien in Afghanistan wieder. Hoedjes ist seit 20 Jahren Reservist der niederländischen Armee und macht Missionen wie diese in Afghanistan freiwillig mit. Der Konflikt ist einer der ältesten aktiven Kriege überhaupt und dauert schon 35 Jahre an. Ein Ende ist nicht absehbar.

25_ow_nato1Wo Krieg andernorts ein Ausnahmezustand ist, hat er sich in diesem Land zur Normalität gewandelt.Neben der anerkannten Regierung erheben die Taliban ebenso Anspruch auf die Macht. Sowohl Regierung, wie auch Rebellen führen jeweils eigene Amtsstellen und Sozialsysteme, schaffen Arbeitsplätze und bezahlen ihren Anhängern Renten. «Die Taliban werden in Afghanistan nicht als Terroristen wahrgenommen, wie uns das in Europa zu verstehen gegeben wird», erklärt Stabsoffizier Hoedjes mit nachdenklichem Blick, «sie bilden vielmehr eine Schattenregierung mit einer mächtigen Wirtschaftsleistung, die für die 34 Millionen Afghanen ebenso lebenswichtig ist wie die Strukturen der offiziellen Regierung.» Einer der wichtigsten Wirtschaftszweige im Land ist der Handel mit Opium, Heroin und Cannabis. Diese Substanzen finden auch in der Pharmaindustrie Anwendung.

Bild: Tägliches Brot während der NATO-Mission in Afghanistan: Bei taktischen Planungen von Operationen nehmen Delegierte der NATO und Stabsoffiziere der «Afghan National Army» teil. Mittendrin: Tom Hoedjes (2.v.r.). (Bilder: zVg.)

«In dem halben Jahr während meines Einsatzes wurden 10’000 Menschen verletzt oder getötet.»

Der Holländer weiss genau, dass sich an der unbefriedigenden Situation, bei der täglich Kriegsopfer zu beklagen sind, in den nächsten Jahrzehnten nichts ändern wird. «Alleine während meines halben Jahrs in Afghanistan sind in diesem Krieg 10’000 Menschen verletzt worden oder gestorben, fernab von der öffentlichen Wahrnehmung.» Korruption und ein System, das den Mächtigen Vorteile bringt, lässt das Land in einem lethargischen Stillstand verharren.

Einsatz dient der ganzen Welt

25_ow_nato3Was also kann man als «Weltöffentlichkeit » machen? Das Land «retten»? Dabei helfen, dass der Ist-Zustand wenigstens nicht schlechter wird? Das Land seinem Schicksal überlassen? 2015 hat die NATO den «Resolute Support» als Nachfolgeprojekt des ISAF-Einsatzes (siehe Infobox) ins Leben gerufen, mit dem Ziel, afghanische Sicherheitskräfte auszubilden. «Training Advise Assist» wird das im NATO-Jargon genannt.Wenn Hoedjes ergänzt, man mische sich nicht in den Krieg ein, so stimmt das allerdings nicht ganz: «Durch die Ausbildung lokaler Sicherheitskräfte nimmt man Partei für die offizielle Regierung und wird selber zum Feind der Taliban, obwohl wir ja eigentlich helfen wollen.» Hoedjes holt weiter aus: «Ich sehe unsere und meineAufgabe eher darin, das Leben für die Zivilbevölkerung sicherer zu machen.Wir können an der Situation im Land momentan nichts ändern, aber wir können Afghanistan für die Bevölkerung lebenswert gestalten. Durch dieses Training helfen wir den afghanischen Sicherheitskräften, ihr Land in den Griff zu bekommen.» Irgendwann, so sei die Hoffnung, werden die Afghanen in der Zukunft ohne die Hilfe der NATO auskommen. Der Weg dorthin dürfte aber noch ein sehr langer sein. Gelinge es, so Hoedjes weiter, diene das auch Europa und dem Rest derWelt: «Es ist im Interesse der NATO, den Konflikt im Land zu behalten. Eskaliert die Situation, führt das zu weiterer Armut, noch mehr Opfern, Flüchtlingsströmen, Attentaten.Das will niemand.»

Bild: Zur Ausbildung der Sicherheitskräfte gehört auch der Verkehrsdienst: Dabei kommen Utensilien zum Einsatz, die in anderen Ländern als Spielzeug für Kinder gedacht sind.(Bilder: zVg.)

«Noch mehr Opfer, Flüchtlingsströme, Attentate.
Das will niemand.»

Schönes Afghanistan

nato5Der Alltag Hoedjes’ im abgeriegelten NATO-Camp sei nicht besonders spannend gewesen, erzählt der 58-Jährige. Dieses liegt beim Flughafen Masar-e Scharif und heisst «Camp Marmal», benannt nach dem Gebirgszug der Marmal Mountains – eine beeindruckende Bergwelt mit Dünen, die in hügelige Grünflächen und schliesslich in hohes Gebirge übergehen. «Von diesen schönen Landstrichen habe ich wenig zu sehen bekommen. Wenn ich nur an den Hindukusch- Gebirgszug denke, die riesigen Mohn- Felder, Nuristan oder den Chaiber-Pass. Unglaublich schön auch die Blaue Moschee (Bild) in Masar-e Scharif.» Nach Sitzungen und Telefonkonferenzen im Camp, fand seine Arbeit aber mehrheitlich am Verhandlungstisch mit lokalen Behörden statt. «Um dorthin zu gelangen, wurden wir unter Waffenschutz in gepanzerten Fahr- oder Flugzeugen transportiert», erinnert sich der Reinacher an seine Ausseneinsätze. In «seinem» Camp – die NATO führt landesweit vier solcher Einrichtungen – leben heute rund 1600 Soldaten aus 20 Ländern. «Früher waren hier 5000 Soldaten stationiert, jetzt wirkt das riesige Camp sehr leer. Die Freizeit war knapp bemessen, gelegentlich traf man sich zum Bier, oder an ‹Nationentagen› kam es zum kulturellen Austausch untereinander », erklärt Hoedjes. Afghanen seien nicht dabei gewesen und ein Austausch sei höchstens bei den Treffen während Ausseneinsätzen möglich. Vor dem Krieg gab es touristische Aktivitäten im Land, die inzwischen vollständig zum Erliegen gekommen sind. Tauchen dennoch «Rucksacktouristen » auf, laufen diese Gefahr, verschleppt zu werden. Die Lösegelderpressung ist übrigens auch ein Wirtschaftszweig im Land. Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt, deren Bevölkerung mehrheitlich in der Landwirtschaft tätig ist.

Bild: Mächtig und unglaublich schön: Das Ali-Mausoleum in Masar-e Scharif aus dem 15. Jahrhundert, auch Blaue Moschee genannt, gilt als Begräbnisstätte Ali ibn Abi Talibs, des Schwiegersohns Mohammeds.(Bilder: zVg.)

«Der Frieden ist eine Illusion.
Wir können nur diesen Beitrag leisten, damit es nicht schlimmer wird.
»

Rückblickend hofft Hoedjes mit seinem Einsatz Menschen geholfen zu haben. Der Frieden sei aber eine Illusion, genau so wie dieWahrnehmung des Konflikts in derWeltöffentlichkeit. «Er ist einfach da und wir können nur diesen Beitrag leisten, damit es nicht noch schlimmer wird.» Helfen würde der Reinacher jederzeit wieder.«Vielleicht kann ich noch einmal einen solchen Einsatz wahrnehmen.Mali böte sich an – ein ganz anderer Konflikt, aber im Grunde die selben Probleme für die Menschen, die dort leben.» Er sei ja auch nicht mehr der Jüngste, aber er würde gerne wieder helfen.

Nato-Einsatz – Resolute Support

nato4Von 2001 bis 2014 führte die NATO (North Atlantic Treaty Organization, zu Deutsch: «Organisation des Nordatlantikvertrags» in der Islamischen Republik Afghanistan eine Wiederaufbaumission durch. Und zwar unter dem Namen «International Security Assistance Force» (ISAF), zu Deutsch «Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe » – per Definition ein «friedenserzwingender Einsatz unter Verantwortung der beteiligten Staaten». 2015 wurde die Mission durch den «Resolute Support» (RS) ersetzt und ist heute noch aktuell. Diese Mission dient der Ausbildung und Beratung sowie der Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte (englisch: Train, Advise and Assist, TAA). Die NATO hat ganz Afghanistan als Operationsgebiet festgelegt und setzt einen personellen Gesamtumfang von rund 12’000 Soldaten ein. Neben den meisten NATO-Mitgliedstaaten beteiligen sich weitere Nationen als sogenannte operationelle Partner. Für den Einsatz ist das «NATO Allied Joint Force Command Brunssum» in den Niederlanden zuständig, dem der in Reinach wohnhafte Tom Hoedjes als Reservist angeschlossen ist. Afghanistan ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt und belegt im «Human Development Index» (HDI) den 171. Platz unter 187 Staaten (Stand 11/2016).

Bild: Aus einem MI-17 Hubschrauber fotografiert: Luftaufnahme von Masar-e Scharif im Norden Afghanistans, während dem Flug zum Beratungsgespräch in einer afghanischen Kaserne.(Bilder: zVg.)

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Die anderen Kinder im Sandkasten

trump_just_hairEs war einmal ein blonder Junge mit schütterem Haar und Fönfrisur. Der wollte unbedingt im Sandkasten mitspielen. Die anderen Kinder sagten: „Na gut, du darfst mitmachen, aber du musst dich an unsere Regeln halten.“

Der blonde Junge mit schütterem Haar und Fönfrisur willigte ein, setzte sich in den Sand und wollte eine Sandburg bauen. „Halt!“ riefen die andren Kinder und erklärten dem blonden Jungen mit schütterem Haar und Fönfrisur, Burgen dürfe man nur bauen, wenn alle anderen Kinder einverstanden wären. Na gut, dachte sich der blonde Junge mit schütterem Haar und Fönfrisur und schaufelte einen Graben, der zu einem Kanal wachsen sollte. „Halt, wir müssen alle einverstanden sein, sonst darfst du das nicht bauen“, hiess es wieder und auch den kleinen Berg und die Baustelle für den Bagger wollten die anderen Kinder nicht, wenn andere Kinder das doof finden könnten.

Nach ein paar Tagen – die anderen Kinder berieten gerade, ob der Durchmesser der Sandkorne mit dem Klimawandel zu tun haben könnte – packte der blonde Junge mit schütterem Haar und Fönfrisur einen Kessel, schüttete Sand rein und stellte eine prächtige Sandburg auf. Alle anderen Kinder rissen Mund und Augen auf und starrten sich abwechslungsweise ungläubig an. Der blonde Junge mit schütterem Haar und Fönfrisur packte den Kessel erneut, schüttete neuen Sand rein und stellte eine weitere Burg auf. Und noch eine. Und noch eine. Zuletzt zeichnete er einen Wasserlauf um die eine Burg und stellte seinen Bagger auf eine der anderen Burgen.

Als die anderen Kinder sich vom Schock erholt hatten, falteten sie ihre Hände zu einer Raute und beriefen eine Krisensitzung ein. Sie beauftragten Medien und Menschen, jedes einzelne Sandkorn das der blonde Junge mit schütterem Haar und Fönfrisur zu einer Burg geformt hatte auseinander zu pflücken. Tagelang beobachtete die geschlossene Weltöffentlichkeit den blonden Jungen mit schütterem Haar und Fönfrisur und reagierten auf der Stelle, wenn der Gesichtszug nur eine Sekunde lang unfreundlich war („Blonder Junge verbreitet miese Stimmung im Sandkasten), zwei Sekunden („Blonder Junge droht mit Gewalt“), oder gar drei Sekunden (Provoziert Donald einen Krieg?“).

Die Weltöffentlichkeit – die mehrheitlich aus Twitter-Usern besteht die sich in 140 Zeichen bestimmt nicht besser ausdrücken kann als wenn ihr ein ganzer Satz zur Verfügung stünde – versammelte sich zum kollektiven Bashing, lachte sich einen Schranz in den Bauch, weil der blonde Junge mit schütterem Haar und Fönfrisur weniger Zuschauer hatte als der Schwarzhaarige von früher. Sie zeigten mit ihren Fingern auf die Fehler des blonden Jungen mit schütterem Haar, twitterten und lachten, weil im Internet haben sie ja gesagt, dass die anderen Kinder recht haben und nicht der blonde Junge mit schütterem Haar und Fönfrisur.

Und während die Weltöffentlichkeit auf den Sandkasten zeigte, lachte und twitterte und mit dem Finger zeigend twitternd lachte, baute der blonde Junge mit dem schütteren Haar und Fönfrisur einfach noch eine Sandburg und noch eine Sandburg und noch eine Sandburg und noch eine Sandburg und noch eine Sandburg und noch eine Sandburg. Und so doof alle den blonden Jungen mit schütterem Haar und Fönfrisur fanden: Plötzlich hatte der ganz viele Sandburgen und die anderen Kinder noch nicht mal einen korrekt genormtes Sandkorn.

So etwas könnte in der Realität natürlich nie passieren. Und wenn doch, wüsste ich gar nicht, wer hier wen auslachen sollte.

Bildquelle: theoatmeal.com
Inspiriert durch einen sehr lesenswerten Text von Eric Gujer in der NZZ

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Bahnbilder von Max

Nach wie vor kann man live dabei sein, wie etwas Bemerkenswertes entsteht: Röbi Sturzenegger aus Unterentfelden digitalisiert eine grossartige Fotosammlung, die der bahnbegeisterte Max Hintermann hinterlassen hat. Auf einer eigenen Webseite kann man den Zuwachs von noch nie öffentlich gezeigten Bildern aus den Jahren 1956 bis 1985 beobachten – darunter auch viele von der WSB und der Seetalbahn.

 

SBB Aarau, Salonwagen mit Queen, P80Die Sammlung von Max Hintermann umfasst unglaubliche 15’000 Bilder. Die Motive: Geografie und Bahnen aus der ganzen Schweiz. In der Zeit der digitalen Fotografie eine Zahl, die man schnell einmal zusammen hat, Max Hintermann aber blieb der analogen Fotografie bis zuletzt treu, liess jedes einzelne Bild als Diapositiv anfertigen und bewahrte die kleinen Zeitzeugen auf Glas, in einer Kommode mit 50 Schubladen auf. Fast wäre der Schatz aber im Nirgendwo gelandet: «Ich wusste gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Es sind so viele, ich dachte daran sie wegzuwerfen», fasst Ehefrau Ruth Hintermann die anfänglichen Gedanken zusammen, nachdem ihr Mann im Dezember des vergangenen Jahres verstorben war. «Ich war sehr oft dabei,wenn Max manchmal eine Stunde lang auf eine ganz bestimmte Zugskomposition wartete und wir dann doch noch einmal eine Stunde warten mussten, weil die falsche Lok vorbei fuhr». Max Hintermann liebte die Bahn, an der Hochzeitsfeier bestand er darauf, dass die Gesellschaft im Salonwagen transportiert würde. Ein Wegwerfen der Bilder war also doch keine Option, zu viele Erinnerungen waren auf die Bilder gebannt.

 

Bildschirmfoto 2016-10-09 um 18.49.03An dieser Stelle kommt Röbi Sturzenegger (im Bild)  ins Spiel:«Ich habe Max kennengelernt, als ich 16 Jahre alt war. Er war damals schon 32, arbeitete als Lehrer vorwiegend in Schöftland und er war ein bisschen wie ein Vorbild für mich, denn wir teilten beide die Begeisterung für die Bahn», erzählt dieser. Es entstand eine enge Freundschaft. Als Max seine künftige Ehefrau Ruth kennenlernte (ebenfalls im Bild), blieb die Freundschaft zu Röbi bestehen.Der Entfelder erinnert sich: «Ich ging bei Hintermanns ein und aus, als wäre ich ein Teil der Familie» und spannt den Bogen zurück zu seinemProjekt: «Da lag es auf der Hand, dass ich Ruth anfragte, ob ich die Bilder digitalisieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen könne.

 

Als gewesener Software-Entwickler, der zum Beispiel für die New York Times Logistik-Systeme programmierte, bringt Sturzenegger das nötige Rüstzeug mit. An zwei grossen Bildschirmen demonstriert er, wie er bis Februar 2016 rund 1200 eingelesenen Bilder archiviert hat. «Ich habe ein Programm geschrieben, das die Bilder im richtigen Format auf die Webseite stellt. Register, Unterkategorien und Zähler werden automatisch aktualisiert. WSB Reinach, Schneggen, 1970Am meisten Arbeit beschert ihm die Korrektur der Bilder (siehe 1. Kasten unten), die Freude an der Arbeit habe aber noch nicht verloren. Nebenbei sei er aber auch n noch begeisterter Sänger bei der Kantorei Pro Musica und er besitzt zusammen mit anderen Eisenbahn-Amateuren eine grosse Modellbahnanlage, die auch einer gewissen Pflege bedarf.

 

Bis Ende 2016 will sich Sturzenegger Zeit lassen, alle Bahnbilder – rund 3000 an der Zahl – auf die Webseite zu bannen. «Ich habe bei mir zehn Schubladen mit Dias, bei Ruth Hintermann zu Hause sind noch einmal 40», versucht Röbi Sturzenegger die Dimensionen der Sammlung klar zu machen. Ob er die Geografie- und Landschaftsbilder ebenfalls digitalisieren wird, weiss er noch nicht. «Erst schliesse ich dieses Projekt ab. Es gibt noch einige unsortierte Bilder, ich werde also ohnehin alle durchsehen müssen.»

 

Einige Perlen sind in der Sammlung bereits aufgetaucht, nicht nur unter den 228 Bildern zur WSB. «Der Hut von Max», erinnert sich die Witwe, «den hat er im Schulzimmer immer auf den Kopf von einem Skelett gelegt. Und einmal blieb der Hut nach einem Foto-Ausflug liegen und wir haben ihn eine Woche später dort wieder gefunden», erinnert sie sich. Viele wertvolle Erinnerungen. WSB Oberentfelden Engelplatz, Kreuzung, P80«Es gibt inzwischen auch schon Anfragen von Verlagen, die Max’ Bilder verwenden möchten», ergänzt Sturzenegger und versichert: «Wir wollen damit nicht das grosse Geld verdienen, aber ich hoffe schon,dass die Bilder nicht einfach von derWebseite gestohlen und wir wenigstens angefragt werden, ob die Bilder kopiert werden dürfen.»

 

Sozusagen exklusiv erschienen im Wynentaler Blatt also die ersten Abdrucke der wertvollen Sammlung. Auf der Seite bahnbilder-von-max.ch kann man den Zuwachs an Bildern live verfolgen; in einem Logbuch wird jeder Arbeitstag erfasst. Bei Drucklegung dieses Artikels in der Zeitung waren es rund 1200 Bilder, in denen man stöbern konnte. Wetten,Röbi Sturzenegger war in der Zwischenzeit schon wieder sehr fleissig?

 

Digitale Bildkorrektur ist ein «Muss»

09_re_bahnbilder_kasten2_oben«Viele Bilder haben einen Rot- oder Blaustich» erklärt Röbi Sturzenegger. «Obwohl säuberlich und trocken gelagert, haben sich über die Jahre Schmutzpartikel vermehrt.» Am PC korrigiert Sturzenegger Farbtöne und entfernt Verunreinigungen – der Unterschied auf den beiden Bildern aus dem Jahr 1958 ist augenscheinlich. «Zuerst war ich der Meinung, es wäre eine Verfälschung des Originals. Aber bearbeitet geben die Bilder viel mehr her», ist der Entfelder überzeugt. Die digitale Bildkorrektur ist also ein «Muss». Für die Bearbeitung eines Bildes, vom Einlesen mit dem Spezialscanner bis zur Fehlerbehebung am PC und dem Einpflegen auf der Webseite vergehen fünf bis sechs Minuten. Für die Bildbeschriftungen hat Sturzenegger die Angaben auf dem Dia-Rand übernommen. Auf den beiden Bild zu sehen ist demnach eine Komposition der «WSB BFe 4/4 AS Zweiachser, Hirschthal, G58». 09_re_bahnbilder_kasten2_untenWenn Sturzenegger Ergänzungen beisteuern kann, weist er diese separat aus. In diesem Fall: «Die zweiachsigen Personenwagen sind noch mit AS für ‹Aarau- Schöftland› beschriftet». Natürlich liessen sich zu jedem Bild noch einige Anmerkungen verfassen. «Bevor die WSB entstand, waren Wynental Bahn (WTB) und die AS zwei getrennte Unternehmen. Beide Bahnen hielten zwar auch in Aarau, man musste aber umsteigen», erinnert sich Sturzenegger. Bis Ende Jahr will er vorerst die rund 3000 Bahnbilder digitalisieren, darunter auch solche von der Seetalbahn, die spätestens im Herbst auf der Webseite zur Verfügung stehen sollen. Ein regelmässiger Besuch auf www.bahnbilder-von-max.ch lohnt sich also.

 

Erster Berührungspunkt in Beinwil am See

Version 2Max Hintermann wurde am 27. Dezember 1932 in Buchs geboren, genauer in der alten Post, die später abgerissen wurde. Das sei schade, habe er scherzhaft gepflegt zu sagen, denn dann könne man ihm ja nicht einmal eine Gedenktafel aufstellen. Erste Berührungspunkte mit der Bahn ereigneten sich in seiner Kindheit, in der er die Ferien oft bei seinen Grosseltern in Beinwil am See verbrachte. Sein Vater warf ihm gelegentlich frische Kleidung aus dem Zug, weil er bei der Bahnpost der Seetalbahn gefahren war und die Gleise direkt am Haus der Grossmutter vorbei führten, sehr zur Freude des kleinen Max. Als Geograph der ETH und ehemaliger Geografielehrer entwickelte er ein sehr ausgeprägtes Interesse an Gegenden, Landschaften, Bergen, Tälern, Gletschern, Flüssen, Städten, Dörfern, Ländern und Verkehrswegen, die er unermüdlich in sorgfältig ausgewählten Ausschnitten fotografisch festhielt. Sein ganz besonderes Interesse jedoch gehörte den Bahnen, «Max Hintermann kannte 99 Prozent aller Schweizer Haltestellen in der Schweiz», erklärt sein Freund Röbi Sturzenegger heute. Max Hintermann starb am 1. Dezember 2015 im Alter von 82 Jahren in Aarau.

 

Dieser Artikel ist im Wynentaler Blatt Nr. 09/2016 erschienen. Texte in der Zeitung. Sie haben den Nachteil, dass man die richtige Ausgabe gekauft haben muss, um sie (nach-)lesen zu können. Egal ob es der grösste Schrott war, oder ein Glanzlicht der Weltliteratur: Verpasst man die Zeitung, ist der Text für immer weg. Aus diesem Grund lege im Goggiblog meine eigenen kleinen Perlen aus dem Wynentaler Blatt ab, von denen ich glaube sie seien erhaltenswert. Für die Ewigkeit konserviert, sozusagen.

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Stellwerkstörung

Es ist so richtig kalt geworden im Mittelland und bald fällt wohl der erste Schnee. Und wenn das passiert, tauchen in den Verkehrsmeldungen gelegentlich auch Verspätungen im öffentlichen Verkehr und Zugsausfälle auf. «Grund dafür ist eine Stellwerkstörung», heisst es nicht selten zuletzt. Doch: Was ist eine Stellwerkstörung?

Best of rc. @ Wynentaler Blatt 2016

Bildschirmfoto 2016-10-09 um 18.20.42Stellwerkstörungen können bei jeder Witterung auftreten und haben eher selten damit zu tun, dass zu viel Schnee auf den Schienen liegt. Bei der SBB ist zu erfahren, dass ein Zug von Bern nach Zürich an insgesamt 500 Weichen und 140 Signalen vorbeifährt. Der Zug bewegt sich jedoch nur, wenn der Computer an keinem dieser Passagen ein Problem feststellt. Meldet einer der weiteren 200 000 Relaiskontakte entlang der Strecke einen Fehler, muss dieser erst behoben werden, bevor der Zug passieren darf.

«Sicherungsanlagen» wird die Gesamtheit dieser Melder genannt. Auf einem überschaubaren Streckenabschnitt ist die Ursache schnell gefunden und behoben – und löst kaum ein mehrstündiges Chaos aus. Tritt der Fehler aber an einem Knotenpunkt auf, an dem sich viele Strecken überschneiden und Minute für Minute Züge passieren, kann dies zu einer regelrechten Kaskade führen – es entsteht theoretisch ein Stau.

Umleiten, ersetzen, ausfallen lassen

Gründe für eine Stellwerkstörung – oder richtiger: eine «Gleisfreimeldestörung» – gibt es viele. Das kann eine defekte Lampe einer Lichtsignalanlage sein, ein Zug der stehen geblieben ist, eine Weiche deren Stellung zum Beispiel wegen Schnee und Eis unklar ist, oder eine Barriere die sich nicht schliesst. Damit es nicht tatsächlich zu einem Stau kommt – die Züge dürfen ja nur in einem gewissen Abstand hintereinander her fahren – werden Züge umgeleitet, es werden Bahnersatzbusse organisiert oder im schlimmsten Fall kommt es zu Zugsausfällen. Fährt nur jede Stunde ein Zug in die gewünschte Richtung, ist das ein Ärgernis.

6000 Schaltungen pro Sekunde

Und dennoch: Unser Schienennetz ist äusserst zuverlässig und das obwohl die Schweiz den weltweit dichtesten Fahrplan mit dem am stärksten belegten und beanspruchten Schienennetz besitzt. Täglich müssen 500’000’000 (500 Millionen!) Schaltungen funktionieren, das sind pro Sekunde 6000. Dabei ergeben sich pro Tag laut Angaben der SBB im Schnitt gerade mal 17 Störungen, die von den 450 Sicherungsanlagentechnikern der Bundesbahnen für Reisende fast unbemerkt behoben werden.

Funktioniert beispielsweise eine Weiche nicht richtig, wird zuerst der Streckenabschnitt gesperrt und die Weiche durch hin- und herbewegen mehrmals gestellt. Das passiert per Mausklick und hilft schon oft, wenn etwa ein Stein eingeklemmt ist. Nützt das nichts, wird ein Techniker aufgeboten, der binnen einer halben Stunde vor Ort sein muss. In vielen Fällen ist etwas eingeklemmt, oder es fehlt der Weiche an Schmiermittel, die Weichenheizung ist defekt oder der Kontakt zum Sensor ist verstaubt.

Dieser Artikel ist im Wynentaler Blatt Nr. 07/2016 erschienen. Texte in der Zeitung. Sie haben den Nachteil, dass man die richtige Ausgabe gekauft haben muss, um sie (nach-)lesen zu können. Egal ob es der grösste Schrott war, oder ein Glanzlicht der Weltliteratur: Verpasst man die Zeitung, ist der Text für immer weg. Aus diesem Grund lege im Goggiblog meine eigenen kleinen Perlen aus dem Wynentaler Blatt ab, von denen ich glaube sie seien erhaltenswert. Für die Ewigkeit konserviert, sozusagen.

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Darum ist das Benzin so günstig, wie es ist

…oder besser: wie es war. Nachdem die OPEC-Mitlieder Ende September 2016 kleinere Fördermengen beschlossen hat, dürfte der Preis für Öl und Benzin wieder steigen. Aber wie konnte der Preis derart zerfallen. Ein Blick in die Zeitung vom 27. Januar 2015 erklärt alles:

Autofahren lohnt sich, könnte man fast behaupten. Während die Billettpreise öffentlicher Verkehrsmittel erst wieder gestiegen sind, kostet die 60-Liter- Tankfüllung im Vergleich zum Jahr 2013 bis 45 Franken weniger. Im Wynental ist das Benzin traditionsgemäss immer etwas günstiger als anderswo – das hat sich nun geändert.

Bildschirmfoto 2016-09-30 um 01.16.23Dies vorne weg: Bei Redaktionsschluss bezahlte man an den günstigsten Zapfsäulen im Mittleren Wynental für einen Liter «Bleifrei 95» 1,32 Franken. Das sind rund 50 Rappen weniger als beim Höchststand im Jahre 2013. Südlich und nördlich davon bezahlt man ein paar Rappen mehr, selbst der einstige «Preisbrecher der Nation»,wie die Garage Hüppi in Suhr während Jahren von der Boulevardpresse bezeichnet wurde, liegt deutlich über diesem Literpreis. Das Wynental galt zuletzt als Tank-Eldorado und böse Stimmen sagten zuweilen, das sei der einzige Grund, das Wynental zu besuchen.

Preiszerfall an der Grenze

Doch seit dem Euro-Absturz vor zwei Wochen hat sich dies geändert. Die Euro- (und Dollar-)schwäche erlaubte es deutschen Tankstellenbetreibern, den Preis massiv zu senken. Für gerade mal 1,10 Franken kann man derzeit in Waldshut das Auto mit Sprit versorgen. Dies zwingt nun auch grenznahe Benzinverkäufer auf Schweizer Seite die Preise zu senken. Benzintouristen planen ihre Reise nicht mehr durch das Wynental, sondern wählen eine Route in nördlicher Richtung.

So entsteht der Benzinpreis

Grundsätzlich gilt beim Benzinverkauf der freie Markt.Trotzdem korrigieren die Tankstellen die Preise augenfällig im Gleichschritt nach oben oder nach unten. So kommt es, dass der Sprit in Reinach immer drei Rappen mehr kostet als in Unterkulm und beimAutobahnanschluss Sursee Treibstoff noch einmal exakt fünf Rappen mehr kostet als im Oberwynental. Grossbetriebe begründen den Unterschied mit der Mehrleistung, die zum Beispiel für das Betreiben eines eigenen Shops zu decken sind. Kleine Tankstellen dagegen versuchen mit dem tieferen Preis konkurrenzfähig zu bleiben. Beeinflusst wird der Preis hauptsächlich durch Steuern. Minaralölsteuer, Steuerzuschlag und Importabgabe sind fix und machen mit der variablen Mehrwertsteuer schon die Hälfte des Endpreises aus. Dazu kommen Transport-, Lagerkosten und der Produktepreis selbst (30 Prozent). Interessant ist, dass die Pegelhöhe des Rheins den Preis ebenfalls mitbestimmt. Führt der Rhein nämlich wenig Wasser, können die Schiffe weniger laden – das erhöht die Transportkosten. Von den verbleibenden 20 Prozent bleibt nach Abzug der Kosten für Personal und den Betrieb der Tankanlage eine mehr oder weniger kleine Marge von rund 10 Rappen. Eine gut laufende Zapfsäule pumpt proTag gut 30’000 Liter Benzin aus dem Rüssel – es bleibt also ein ganz passabler Gewinn.

Afrikanisches Öl

Der an Schweizer Zapfsäulen bezogene Treibstoff stammt zu 60 Prozent fixfertig aus dem Ausland, das zumeist über den Rhein und per Bahn zum Beispiel von Rotterdam in die Schweiz gebracht wird. Bis nach Genf führt eine Pipeline, von wo das Flüssige auch in Tanklastwagen weitertransportiert wird. Der Rest unseres Bedarfs wird über Pipelines in Form von Rohöl von Genua und Marseille direkt in die Raffinerien in Cressier und Collombey gebracht und dort zu allerlei Treibstoff verarbeitet. Die beiden je 100 Fussballfelder grossen Anlagen können nur feines Öl aus Afrika verarbeiten, russisches oder amerikanisches Öl kann wegen seiner Konsistenz in Schweizer Raffinerien nicht gebraucht werden..

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Der geschmacklose Wille der Leser

Endlich berichten die nationalen Medien über Eishockey in der Nationalliga B. Zwar über eine Geschmacklosigkeit – aber der Leser will es ja so.

Als ich dieser Tage einen Schnellschuss-Reporter darauf ansprach, warum er aus einem drei Stunden dauernden Anlass eine 10 Sekunden-Szene zum Anlass nimmt, seine Zeitung Seitenweise damit zu befüllen, sagte er: “Der Leser will das so”.

oltenDer Anlass für meine Frage war ein wirklich geschmackloses Handeln von ein paar wenigen Individuen, die beim Eishockey-Spiel Olten-Langenthal auf einem Transparent ankündigten, den Gegner in den Rollstuhl boxen zu wollen. In diesem Artikel geht es aber nicht um die Geschmacklosigkeit ansich, sondern um den medialen Umgang damit.

 

Tatsache ist, dass Olten-Fans während 99% des Anlasses keinerlei Transparente in die Luft gestreckt haben. Tatsache ist auch, dass ein dämliches Ereignis zum Glück nur von ein paar Hundert Zuschauern im Stadion wirklich wahrgenommen wurde. Das war übrigens auch beim fahrlässigen Einsteigen von Sandro Wieser gegen Gil Yappi der Fall, oder beim Vierfachmord von Rupperswil. Ungeachtet der wirklich schlimmen Tragik die hinter einem Ereignis steckt, ist die eigentliche Katastrophe die Verarbeitung in den Medien.

Nüchtern betrachtet, wurde der Vierfachmörder letztlich auch ohne öffentliche Empörung hinter Gitter gebracht und wird seine Strafe bekommen. Auch Sandro Wieser hat seine Strafe abgesessen und hat an Erfahrung dazu gelernt. Yappi geht es wieder bestens, auch wenn er mit dem FC Zürich irgendwann sportlich abgestiegen ist. Und den Transparent-Malern die sich inzwischen gestellt haben, wird es ähnlich ergehen. Man hat sie erwischt, man wird sie bestrafen.

 

Fertig. Würde man meinen

Irgendwann ist die Informationspflicht der Medien erfüllt. Doch in allen drei Fällen – so unterschiedlich sie sind – fängt erst jetzt eine unaufhaltsame Maschinerie an zu laufen, die für mein Empfinden das eigentlich Verwerfliche ist: Mit dem Anspruch schneller, aktueller, exklusiver und attraktiver für Konsumenten und damit für Werbepartner (oder umgekehrt) zu sein, überbieten sich die Medienhäuser mit Superlativen: Aus dem Mörder wird eine Bestie, Rupperswil zum abscheulichsten Dorf der Schweiz. Sandro Wieser wurde zum Horror-Treter und Fussball allgemein zur Dreckssportart. Ebenso trifft es den EHC Olten: Ein Transparent, das zum Glück schnell weggeräumt war und kaum wahrgenommen wurde, schafft es millionenfach angeklickt in die Medienwelt. Erst dank der medialen Maschinerie wurde ein dummes Transparent erst zum unmenschlichen Skandal befördert, unter dem nicht die Täter, sondern der EHC Olten leiden muss.
Hat jemand mitbekommen, dass das Verfahren gegen Wieser eingestellt wurde? Erinnert sich jemand an das Resultat des Spiels Olten – Langenthal? Ach ja, ganz vergessen: Sowas rückt natürlich in den Hintergrund, bei so einem Ereignis.

 

“Der Leser will das so”

Immer wieder dieses Zitat. Will er das wirklich? Gemessen an den Reaktionen zum Olten-Transparent könnte man sagen, ja: Hunderte von Likes und ebenso oft geteilte Beiträge.  Harsch die Wortwahl in den unzähligen Kommentaren, in denen “der Leser” den Tätern mindestens ebenso krankes Zeug wünscht, wie auf dem Spruchband zu lesen war. Krankes Zeug auf dem Spruchband krankes Zeug in den Kommentaren, halten die Redaktionen für akzeptabel. Eigenartige Logik.

Ist “der Leser” tatsächlich nur Sensationsgeil und im Grunde ein böser Mensch? Erwischen wir ihn gerade, wie er Formel 1 nur dann guckt, wenn auch mal ein paar Autos demoliert werden? Wäre Fussball ohne Horror-Treter und nur zwischendurch mal einen Mörder in der Gegend zu langweilig für “den Leser” … oder für den “geschmacklosen Willen des Lesers”, wenn man die ursprüngliche Aussage einfach mal gedankenlos ergänzen will?

Eher nicht. “Der Leser” wollte primär nur unterhalten werden und in einer Weltordnung leben, die ihm eine persönliche Entfaltung öffnet und Sicherheit bietet. Alles andere hat man uns angezüchtet, vor allem den Hass auf Fehler die andere begehen und die Möglichkeit per Kommentar wahllos auf die Sünder einzuschlagen.

 

Leider bringt dieser Blogbeitrag nur mir persönlich etwas, Schreiben ist bekantlich eine Art Therapie. Vielleicht erntet er ein paar Likes, ändern wird er aber gar nichts. Bei nächster Gelegenheit lesen wir in der Zeitung, dass ein fröhliches Fussballspiel auf die eine Petarde reduziert wird, dass ein dreitägiges fröhliches Volksfest mit einem gewaltsamen Polizeieinsatz überschattet wurde und dass der Fummelprinz aus dem Big Brother Haus geflogen ist. Aber das ist eine andere Geschichte. Oder eigentlich doch nicht. Im Grunde ist es das Gleiche: “Der Leser will das so”.

Symbolbild: Eishockey.ch

Geschrieben in Vollbesitz meiner geistigen und intellektuellen Kräfte | 2 Kommentare

Schnell, schneller, am schlimmsten

Wir alle machen Fehler. Letzte Woche hat einer bei unserer Zeitung hinter dem Namen von Grossrat Bruno Rudolf ein “(FDP)” gesetzt, obwohl dieser doch seit immer der SVP angehört. Und ich habe vor einiger Zeit aus dem Präsidenten des Aargauischen Fussballverbands Hans Aemisegger, einen Ernst Aemisegger gemacht. Dafür gleich konsequent bei allen drei Nennungen im Artikel. Fehler sind ärgerlich, das ist das Eine. Gerade wenn sie gedruckt werden und man zu einer Korrigenda in der nächsten Ausgabe verknurrt wird.

bestieknastNoch dümmer als dumme Fehler, sind dumme Fehler, die keiner korrigiert, obwohl Gelegenheit bestünde. Zum Beispiel in den superschnellen Online-Medien. Es ist eine traurige Tatsache, dass alles schneller als schnell gehen muss. Nur wer die Meldung als Erster in seinem Portal hat, kann ein Held sein. Wenn man einen Schritt zu spät kommt, hilft vielleicht noch blutrünstiges Nachlegen. So stilisierte der “Blick” den Vierfachmörder von Rupperswil bald einmal zur “Bestie” und wusste sogar, wo die Bestie eingesperrt ist und was die Bestie zu Essen bekommt.

Zu den Faktoren “Fehler” und “Schnell” (mit teilweiser Erweiterung “Blutrünstigkeit”) kommt nun aber zunehmend die Komponente “Gleichgültigkeit” dazu. Die Widerlichste von allen. Während ich den Ernst schnell wieder zum Hans gemacht habe und der vermeintliche FDP-Mann wieder zur SVP transferiert wird, bekommt man zum Beispiel von 20 Minuten gerade mal ein Online-Schulterzucken.

 

Nehmen wir als Beispiel diese Meldung von 20 Minuten. Geschrieben am Samstag um 18.56 Uhr, gelesen am Sonntag um 00.46 Uhr. Wer findet die 5 Fehler?

20minFehler3

Auflösung:

Der Stau entstand ganz offensichtlich nicht wegen einem ausgebrannten Auto, sondern wegen einem ausbrennenden Auto.

Wo zum Geier ist Häkingen?

Und wo ist “kurz zwischen der Verzweigung Häkingen und Wangen an der Aare”.

Seit wann liegt Wangen an der Aare im Kanton Solothurn?

Satzstellungsfehler, fehlende Wörter.

 

Fast 6 Stunden nach Entstehung dieser Fehler und gefühlte 30 diesbezüglich erstellter Kommentare, lag Wangen noch immer im Kanton Solothurn, das Geschehen kurz zwischen der Verzweigung Häkingen verpackt im orthografischen Chaos, das Auto zwar tatsächlich im Perfekt ausgebrannt, der Stau aber längst aufgelöst. Der 20-Minuten-Mensch ist dennoch der Held. Warum? Weil wir Konsumenten genau das wollen: Als Erste über alles Bescheid wissen, im besten Fall nach Durchsicht der Schlagzeile eine Meinung haben. Und weil wir Lemminge sind und blind dem Schnellsten folgen, tun das auch die Werbetreibenden. Das Desaster ist vorprogrammiert, die Volksverblödung zu Gunsten der Wirtschaftlichkeit wird in Kauf genommen.

 

Die schnellen Medien nehmen ihre Verantwortung längst nicht mehr wahr. Da bleibt einem ja wirklich nur noch das Schulterzucken.

 

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FC Aarau: Eine Serie geht zu Ende

Manchmal werden im Fussball kuriose Geschichten geschrieben. Am kommenden Montag wird beim FC Aarau einerseits eine Serie fortgesetzt, andererseits wird eine beendet. Geschichtshistorisches spielt sich am 9. Mai ab!

Bildschirmfoto 2016-05-07 um 18.22.0115 Mal blieb der FC Aarau zuletzt ungeschlagen. Eine Serie die man in den letzten mindestens 40 Jahren noch nie hingelegt hat, nicht in der Meistersaison 1993 und auch nicht in der Aufstiegssaison 2013. Ob diese Serie beendet oder fortgesetzt wird, steht noch in den Sternen.

Um die geht es auch gar nicht.

Sicher ist dagegen, dass die Serie von Patrick Haller ihre Fortsetzung findet. Seit 9 1/2 Jahren hat der Chefberichterstatter jeden Ernstkampf des FC Aarau besucht. Egal ob an einem Montagabend in Chiasso, oder im Schweizer Cup in Bavois: Haller ist immer und überall und unantastbar die Nummer 1.

Aber auch um diese Serie geht es nicht.

Nein, die Serie von der ich spreche, ist eine ganz unspektakulärere, aber um so persönlichere: Am 9. Mai 2016 verpasse ich das Spiel im Brügglifeld zwischen dem FC Aarau und dem FC Lausanne Sport. Die beste Ehefrau von allen hat mich an das Hans Zimmer-Konzert eingeladen; ein Ereignis mit Jahrhundertcharakter. Das beendet aber eine Serie – immerhin mit Jahrzehnte-Charakter – von 127 Heimspielen in Folge, die ich gesehen habe. Auch ein hübscher Rekord. Wer jetzt genau zurückgezählt hat, merkt: Das letzte nicht gesehene Heimspiel war FC Aarau – FC Basel in der Saison 2008/2009 – und jetzt kommts: Am 9. Mai 2009, also vor exakt 7 Jahren. Das könnte fast eine Am-9.-Mai-verpasst-Goggi-FCA-Heimspiele-Serie werden, wäre da nicht das Heimspiel am 9. Mai 2013 gegen den FC Biel gewesen.

Bildschirmfoto 2016-05-07 um 18.20.34Immerhin haben wir die genannten 9. Mai-Spiele jeweils gewonnen: 3:1 gegen Basel – was für den FCB damals ein herber Rückschlag im Meisterrennen bedeutete, welches schliesslich der FC Zürich gewonnen hat. Übrigens die letzte Saison, in der nicht Basel Meister wurde. Und wenn wir schon bei Serien sind: Mit dem 6:0 gegen den FC Biel begann für den FC Aarau 2013 eine Serie mit 6 Spielen ohne Niederlage, die schliesslich im Aufstieg in die Super League gipfelte.

Zwar steigen wir am Ende dieser Saison nicht auf, selbst wenn die Serie ohne Niederlagen auf 20 ausgebaut würde, aber eine geile Rückrunde haben wir dennoch erlebt. Wenn die Siegesserie an 9.Mai-Spielen am Montag weiter geht, um so besser – und an meiner Mein-Herz-Schlägt-für-den-FC-Aarau-Serie, die schon 36 Jahre anhält, gibts sowieso nichts zu rütteln, auch wenn die beste Ehefrau von allen diesmal den Vorzug bekommt.

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25 Jahre künstliche Verspätung

Einen schönen runden Geburtstag feiert dieser Tage die wohl sinnloseste Erfindung der Schweizer Kommunikationsgeschichte: Die B-Post. Neu sollte man langsame Briefe verschicken können, also quasi heute eine Botschaft aussenden, die erst übermorgen ankommen soll. Noch eigenartiger als deren Erfindung ist eigentlich nur die Tatsache, dass es diese heute noch gibt.

 

Postanhänger

Als sie damals eingeführt wurde, war ich noch Pöstler in Suhr. Neu war man angewiesen, die Briefbunde mit blauem Bundzettel am Morgen liegenzulassen und nur die schnelle A-Post mit weissem Bundzettel und die B-Post vom Vortag zuzustellen. Von der Mehrheit der Menschheit unbemerkt, gab es ab dann auch noch die B2-Post, mit gelbem Bundzettel. Kurz erklärt war die B2-Post das, was heute beim E-Mailverkehr im Spam-Ordner landet. Das war aber nicht die einzige Neuerung bei der Post. Man sprach plötzlich von “Optimierung der Führungsstrukturen”, pflegte Adressen der Kunden in eine Excel-Tabelle ein und anstatt mit einer Stoppuhr zu messen, wie lange man von Briefkasten 1 bis Briefkasten 2 brauchte, errechnete die Uni Lausanne einen Sekunden-Wert, der dem Briefträger für dessen Zustellung als Aufwand entstünde. Eine Zahl mit sieben Stellen hinter dem Komma, die regelmässig zu Ungunsten des Pöstlers nach unten korrigiert wurde.

 

Kein Wunder sortierten wir damals an sogenannten “Zähltagen” B-Post-Briefe trotzdem schon am Morgen, denn der Wert wurde mit der achtstelligen Sekundenzahl multipliziert und ergab hochgerechnet die Arbeitszeit des Briefträgers.

 

Durch die Einführung der Briefsortieranlage in Aarau und die automatische Zählung, blieb da bald kein Spielraum mehr und die schönen Sommertage mit Feierabend um die Mittagszeit gehörten bald der Vergangenheit an. Nur die Wintertage mit Arbeitszeiten bis nach Einbruch der Dunkelheit blieben bestehen. Heute, 25 Jahre später, wird der Pöstler sogar auf Schritt und Tritt verfolgt. Dauert ein Kundengespräch zu lange, muss dieses mit einem speziellen Code in seinen Scanner eingelesen werden. Mit diesem Scanner werden auch die genaue Zeit einer Paketzustellung, die Leerung des gelben Postbriefkastens und die Dauer der morgendlichen Darmentleerung erfasst. Der Roboterpöstler geniesst sozusagen keine Freiheiten mehr und der freundliche Schwatz mit der Pensionärin wird zur Arbeitszeitfalle. Nicht auszudenken wenn der beladene Postanhänger zusammenfällt, weil er überladen war, dabei wollte sich der Pöstler aus lauter Stress doch nur einen Gang zurück zur Zustellfiliale ersparen.

 

Aber das ist ein anderes Thema. Meine persönliche Post-Vergangenheit und der offensichtlich gebliebene Schaden haben mich abschweifen lassen.

 

Zurück zur B-Post. In Härkingen steht eine gigantische Briefsortieranlage, die Briefe für die ganze Deutschschweiz in exakt der Reihenfolge sortiert, wie sie der Pöstler danach zustellen wird. Die Postdrohne in der Zustellfiliale entscheidet nicht mehr selber ob er weisse und blaue Briefbunde auflösen will, er liefert nur noch aus, was die Maschine vorbestimmt hat. Fast ebenso viel Platz wie die Maschine, braucht in Härkingen der Bereich, in dem die B-Post gelagert wird. Zwar wäre es technisch möglich – und vermutlich auch einfacher – alle aufgegebenen Briefe in der Schweiz am Folgetag zuzustellen, das will die Post aber nicht. Sekunden-Molekül-Berechnungen, eingescannte Arbeitszeiten und exakt programmierte Mitarbeiter: Ja – Alter Zopf B-Post abschaffen: Nein.

 

Zumal die A-Post ja sowieso nicht ankommt wenn man sie braucht.

 

Mich dünkt, ich schweife schon wieder ab. Worauf wollte ich eigentlich hinaus?
Ach ja: Alles Gute zum 25. Geburtstag, liebe B-Post.

 

 

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Lieber TCS, was soll dieses Bild?

Schade eigentlich, wird am Ende des Jahres nur das Unwort des Jahres erkoren. Ich habe nämlich schon im Februar das Un-bild des Jahres gefunden. Ich meine, ich bin nun wirklich nicht der verklemmte Mahnfinger-Erheber und ein provokatives Bild kann ja auch mal ganz lustig sein. Dieses TCS-Bild aber ist einfach nur das schlechtesete Pressebild des Jahres. Ach, was sage ich, des Jahrhunderts.

 

Jahrzehnte lang haben sich die Frauen in diesem Land zum Beispiel gegen das Vorurteil des zerbrechlichen Wesens gewehrt, lernten starke Frauen zu sein, denen man nicht zwingend über die Strasse helfen muss. Sie setzten sich zurecht für gleiche Rechte und seit kurzem auch  für eine Armlänge Abstand ein, überlassen inzwischen selbstbewusst den Kochherd auch mal den Männern, erreichten Schritt für Schritt das, was ein normal funktionierendes Hirn als selbstverständlich wahrnehmen sollte: Frau darf alles, was Mann auch darf und umgekehrt. Sie ticken zwar noch immer komplett anders, sind oft ein Buch mit sieben Siegeln und wo bleibt eigentlich der Duden “Frau-Deutsch Deutsch-Frau”? Aber das ist eine andere Geschichte. Fakt ist: rationell gibt es keinen Grund Frauen anders zu behandeln als Männer.

 

Und dann kommt der TCS.

 

Oder besser: Die Werbefirma, die für den TSC eine Hochglanz-Fotokampagne produziert hat, aber letztlich ist es der TCS der die Bilder absegnet und wie jüngst passiert, per Medienmitteilung versendet. Nämlich dieses:

tcs-patruille-1

Jahrzehnte lange harte Arbeit des femininen Widerstands einfach über den Haufen geworfen. Mit einem Bild das in Sachen Natürlichkeit ein knappes “Naja” bekommt, aber auch das ist eine andere Geschichte. Beschäftigen wir uns mit dem Sujet und der Frage: Was sehen wir auf diesem Bild? Ein 1,90 Meter grosses TCS-Model legt zärtlich und doch männlich bestimmend einer in Pannen-Not geratenen verheirateten Frau seine (!) Jacke um die Schulter. Mit deutlich weniger als einer Armlänge Abstand. Daneben zwei erleichterte Kinder, eingelullt in eine Decke vermutlich vom selben Model, bewundern sie den Supermann in Gelb, den Retter in Not, den Helden des TCS – lieber draussen, als im Auto, wo es ein paar Grad wärmer wäre. Wahrscheinlich hat jmand den Schlüssel im zentral verriegelten Computer liegen gelassen, weil  hier am Strassenrand in der Pampa  einfach mal alle so zum Spass ausgestiegen sind.

 

Und wer steht da ganz links? Kaputt, unbrauchbar, ausgestossen und ungeliebt? Nein, ich meine nicht das Auto. Ich meine den Bünzli-Typen im Pullunder. Wie er nachdenklich in die Weite der Passstrasse blickt, wissend, dass er jämmerlich versagt hat, versunken in Gedanken die ihm gerade sagen, wie elend er gescheitert ist. Nicht nur das Auto ist am Arsch, nein er schafft es nicht einmal seiner Frau wärmend den Arm um die Schulter zu legen. Lieber behütet er das Auto, dieser Sack, kein Wunder liebt ihn niemand.

 

So viel Klischee wollte der TCS wahrscheinlich nicht vermitteln, aber bei mir als aufgeschlossener, nachdenkender Kunde kommt das so an. Ist das jetzt wirklich euer Ernst, lieber TCS? Oder steckt da etwa Kalkül dahinter und wir sind gar keine Kunden, sondern folgsame Klone die der gleichgeschalteten Lügenpresse gehorchen? Nächste Woche kommen nach 14 Jahren, neue Folgen von Akte-X.

Das kann kein Zufall sein.

Bild: Mediendienst TSC ( zVg.)

 

 

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